Anders als Europa – und hier vor allem Osteuropa – ist Südamerika nicht von der in den USA entstandenen Finanzkrise betroffen; sehr wohl aber von der durch sie ausgelösten Rezession. Dass deren Folgen für den Subkontinent weit weniger dramatisch ausfielen als in den meisten Industrieländern, lag nicht zuletzt an den eher klassisch konservativen Wirtschafts- und Fiskalpolitiken sowie an dem ungebrochenen Hunger Chinas und Indiens nach Rohstoffen, deren Preise zum Teil schon wieder das Niveau von 2007 erreicht haben; fast so als wäre nichts geschehen. Hohe Haushaltsüberschüsse und Devisenreserven in den Jahren 2003 bis 2008, gepaart mit expansiven Sozialausgaben und antizyklischen Konjunkturprogrammen, haben es den meisten Ländern erlaubt, die Krise – vorerst – ohne dramatische Blessuren zu überstehen. Keine Bank musste »toxic assets« entsorgen oder gar seine Pforten schließen.
In Lateinamerika setzte 1998 mit dem Wahlsieg von Hugo Chávez in Venezuela ein politischer »Linksruck» ein, der seitdem mit wenigen Ausnahmen nahezu alle Länder ergriffen hat und bis heute anhält. Es stellt sich jedoch die Frage, ob von einer einheitlichen Tendenz nach links gesprochen werden kann, oder ob es zwei völlig verschiedene – die demokratische Linke und den Populismus – oder gar mehrere ganz unterschiedliche linke Tendenzen gibt. Nueva Sociedad hat diese Entwicklung in zahlreichen Beiträgen vor allem lateinamerikanischer Autoren verfolgt und legt eine Auswahl dieser Texte aus den vergangenen drei Jahren in deutscher Sprache vor.
Warum eine Nummer zu Bolivien und nicht zu Venezuela, Brasilien, Guatemala oder irgend einem anderen Land? Die Antwort ist eigentlich einfach und eher intuitiv: von allen »Alternativen zum Neoliberalismus» in den vergangenen Jahren ist Bolivien heute die radikalste, komplexeste und ambitionierteste. Boliviens Geschichte ist verwirrend und verworren – ein enredo, wie der Titel der spanischsprachigen Nummer unterstellt, die dieser deutschsprachigen Ausgabe zugrunde liegt. Lässt sich dieses enredo entwirren, ent-wickeln? Mit dieser Frage beschäftigen sich die neun Beiträge des Schwerpunktes dieser Ausgabe.
In vierzehn Ländern Lateinamerikas wurden oder werden zwischen November 2005 und Dezember 2006 neue Regierungen gewählt. Alles deutet darauf hin, dass sich in diesem Jahr ein politischer Paradigmenwechsel bestätigt, der 1999 in Venezuela und 2002 in Brasilien eingeleitet wurde. Seitdem erteilen die Wähler in immer mehr Ländern dem bis dato vorherrschenden Modell der neoliberalen Strukturanpassungen eine klare Absage. Aber »was kommt nach dem Neoliberalismus?» Diese Frage zieht sich durch alle Beiträge dieses Heftes.